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Im Paradies sind alle tot

Rüdiger Suchsland 30.09.2005

Hany Abu-Assads "Paradise Now" ist ein beklemmender, hervorragend inszenierter Einblick in die Mentalität von Selbstmordattentätern Was erlebt und wie denkt ein Selbstmordattentäter in seinen letzten Stunden? Was geht überhaupt in seinem Kopf vor, warum opfert er sein Leben für ein abstraktes Ziel, zudem eines, das er selbst nie erleben wird und das seine Tat letztlich kaum befördern dürfte? Dies sind Kernfragen unserer Zeit: Erst kürzlich erinnerten die Attentate von London daran, dass viele junge Männer, die ihren Weg in den Terror finden, nicht aus "kaputten", sondern aus wohlhabenden, gebildeten, auch sonst "intakten" Verhältnissen stammen. "Paradise Now", der seine Premiere im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale erlebte, zeigt nicht die Opfer, sondern versucht, sich dem Denken junger Palästinenser anzunähern, die als Gotteskrieger zu lebenden Bomben werden. Ihm gelingt dieses schwierige Unterfangen in erstaunlicher Weise. Der Film macht deutlich, dass die Terroristen keine Bestien sind, keine irrationalen Wahnsinnigen, noch nicht einmal in jedem Fall besondere Fanatiker.

Wenn das Bild ganz weiß wird, ist das Paradies erreicht. "The horror, the horror" lauten die letzten Worte in "Apocalypse Now"- und so könnten sie auch in Hany Abu-Assads Film heißen. Dessen Titel spielt keineswegs zufällig an Coppolas Klassiker an, denn im Paradies sind bekanntlich alle Menschen tot. Dem Paradies voraus geht die Vorhölle, und an Orten, die wie Israel und die von ihm besetzten Gebiete von alltäglichem Schrecken, von Tod und Todesdrohung, Erniedrigung und Hass, von der schon zur Gewohnheit gewordenen realen Apokalypse eines Bombenattentats geprägt sind, ist sie beinahe mit dem Leben selbst identisch.

Unter Ohnmächtigen

"Eines Tages werden die Dinge besser sein", meint die junge Frau zum Fahrer ihres Taxis. "Sie sind wohl nicht von hier", antwortet der.

Mit einer Alltagsszene beginnt die merkwürdige Passionsgeschichte von "Paradise Now": Suha (gespielt von der aus u.a. André Techinés "Loin" bekannten Franco-Marokkanerin Lubna Azabal) will die Grenze zwischen Israel und der Westbank überqueren. Demütigend ist die nun folgende Prozedur des Misstrauens, des Wartens, der Durchsuchungen, die Suha routiniert über sich ergehen lassen muss - und gleichwohl von der anderen Seite her verständlich, wenn man sich bewusst macht, dass auch Frauen in dieser Gegend oft als lebende Bomben die Grenze überqueren.

Suhas Vater, das erfährt man bald darauf, ist das, was die Palästinenser "Märtyrer" nennen - gerade aus dieser Erfahrung hat sie selbst dem bewaffneten Widerstand abgeschworen und engagiert sich in einer Menschenrechtsorganisation. Suha ist das erste Gesicht Palästinas, das aus diesem Film haften bleibt: Jung, gebildet und zivilisiert, von prowestlichen Werten geprägt, selbstbewusst. Bald darauf werden uns andere Gesichter begegnen. Das wichtigste gehört Said (Kais Nashef), der zusammen mit seinem Freund Khaled (Ali Suliman) als Mechaniker in einer Autowerkstatt in Nablus arbeitet.

Als Suha ihm ihren Wagen zur Reparatur bringt, ist sofort zu spüren, dass sie einander gefallen. Sie reden gern miteinander, unter anderem über das Kino: Erst einmal sei er in einem gewesen, sagt Said auf ihre Frage - jedoch nicht, um einen Film zu sehen, sondern um es niederzubrennen. Suha und Said könnten ein Liebespaar werden, wäre da nicht von Anfang an Saids seltsames Zögern: Gerade angesichts der Tochter eines berühmten "Widerstandshelden" bricht in ihm wieder die Erinnerung an seinen eigenen Vater hervor. Said schämt sich für ihn, der einst als Kollaborateur von den eigenen Leuten "hingerichtet" wurde. Seitdem lastet die Schande auf der Familie.

Subtil präsentiert der Regisseur unter der Oberfläche dieser privaten Konfrontation und der Impotenz, die Said fühlt, eine soziale Diagnose: Eine männliche Kultur, die unter den Bedingungen der Ohnmacht existiert und die ihre Identität aus dem Kampf gegen diese spezifische Ohnmachtserfahrung und aus ihrer Bewältigung schöpft. Aus ihr heraus wird der Weg in den Terror verständlich, ohne dass Abu-Assad bei aller Empathie für seine Figuren den Wahnsinn der Tat irgendwie leugnet oder gar verklärt. "Lieber tot sein, als in der Unterlegenheit leben." heißt es einmal.

Als sich Said und Suha das nächste Mal begegnen, haben sich die Dinge bereits entscheidend geändert: Ausgerechnet der geachtete angesehene Lehrer Jamal (Amer Hlehel), der - auch hier setzt der Regisseur konsequent auf Desillusionierung - im Gespräch den Wert der Bildung betont, ist der Kontaktmann der Radikalen. Er hat Said und Khaled gerade die Nachricht überbracht, dass sie von ihrer Organisation für ein Attentat am nächsten Tag vorgesehen wurden.

Das letzte Abendmahl

Der Film folgt nun detailliert den letzten 24 Stunden der beiden jungen Männer. Er zeigt ihren letzten Abend im Kreis der nichts ahnenden Familie, zeigt die kleinen Lügen, die die Tarnung sichern, beschreibt, wie die Aufnahme eines Abschiedsvideos um ein Haar an technischen Pannen scheitert, zeigt wie die zukünftigen "Märtyrer" von ihren Helfern rasiert und gereinigt werden; ein Akt der Initiation und der Vorbereitung auf eine heilige Tat.

Bevor ihnen schließlich eine Sprengstoffweste um den Leib geklebt wird und sie mit versteinerter Miene und in schwarzen Anzügen schon ihrer selbst kaum noch ähnlich die Grenze nach Israel überqueren, gibt es ein gemeinsames Essen - das Abu-Assad visuell analog zu Leonardo da Vincis berühmtem Bild "Das letzte Abendmahl" inszeniert, in dem Said gewagt an die Stelle Jesu gesetzt wird. Diese Fülle christlicher Metaphern in diesem islamischen Zusammenhang ist merkwürdig - vielleicht aber auch nur ein weiteres Beispiel für den bitteren Humor, die auf die Spitze getriebene, dabei mit seismographischer Kühle und Distanz registrierte Absurdität des ganzen Verfahrens.

Anatomie des Terrors

Hany Abu-Assad, 1961 in Israel geboren und daher israelischer Staatsbürger palästinensischer Herkunft, lebt seit seinem 19. Lebensjahr überwiegend in den Niederlanden, deren Staatsangehörigkeit er inzwischen besitzt. Er hat schon in seinen bisherigen zwei Filmen, dem Spielfilm "Rana's Wedding", der in die deutschen Kinos kam, und der beeindruckenden Dokumentation "Ford Transit", der u.a. auf dem Filmfestival von Carthago und in Deutschland beim Dokumentarfilmfest München zu sehen war und die die Arbeit eines der im Grenzgebiet zwischen Israel und der Westbank üblichen Bustaxis beschrieb, eindrucksvoll den absurd-destruktiven Alltag des Lebens in der Besatzung zwischen Terror und Normalität geschildert.

Auch für diesen Film hat der Regisseur umfangreich recherchiert. Er las Protokolle gescheiterter Attentäter und sprach mit israelischen Polizisten, sowie mit Freunden und Hinterbliebenen von Selbstmordattentätern. Hinter aller Fiktion steht ein starker Realitätswillen, ein dokumentarischer Anspruch, der sich auch in den ruhigen, genau gestalteten, abstrakt-analytischen Bildern zeigt.

Die Produktion von "Paradise Now" ist nicht nur dadurch bemerkenswert, dass der Film tatsächlich in den besetzten Gebieten gedreht wurde, zum Teil unter chaotischen und gefährlichen Umständen, bedroht nicht zuletzt von rivalisierenden Palästinenserorganisationen. Finanziert wurde sie als deutsch-französisch-niederländische Koproduktion. Mittlerweile ist der Film in 45 Länder verkauft worden, darunter nach Israel, wo der "Israeli Film Fund" dem Film Verleihförderung zuteil werden ließ.

"Paradise Now" ist ein überfälliger Betrag des palästinensischen Kinos zum Terror in Nahost sowie zur Frage der politischen Gewalt und zur Anatomie des Terrors. Vor zwei Jahren hatte sich der Filmemacher Elia Sueiman in seinem vielbeachteten Film "Göttliche Intervention" noch auf die Ebene einer allzu das Skurrile betonenden, lakonischen und bei allem politisch Plakativen letztlich unpolitischen Komödie zurückgezogen, deren Szenen an Jacques Tati, Takeshi Kitano und den Georgier Ottar Iosseliani erinnerten. Doch schon das Schicksal dieses Films erinnerte an das Schicksal der palästinensischen Nation, ihres schwierigen Kampfes um Anerkennung.

2004 verweigerte die Oscar-Academy "of Motion Picture and Sciences" dem Film die Zulassung zur Bewerbung um den Titel des "Best Foreign Film" mit der Begründung, Palästina fehle die Anerkennung der UNO - eine absurde Entscheidung angesichts einer Situation, in der gerade Film ein Mittel ist, um den Ungehörten eine Stimme zu geben. Ungeachtet solcher Entscheidungen ist in Palästina ein waches und lebendiges Kino gewachsen - wie jetzt Abu-Assads Film beweist.

Zwischen allen Fronten

An seinen drei paradigmatischen Hauptcharakteren und verschiedenen Nebenfiguren gelingt "Paradise Now", ohne je zum Thesenfilm zu werden, eine eindrückliche, facettenreiche Innenansicht palästinensischer Befindlichkeit. Er leuchtet mit den persönlichen Motiven auch die sozialen Hintergründe genau aus. Elegant und klug bewegt sich der Film durch ein politisches Minenfeld, wird den Positionen gerade in ihrer Vielfalt und Ambivalenz gerecht; ohne Terrorismus je zu verklären, beschreibt er die Wirklichkeit, wie sie ist aus Sicht der Menschen. Subtil in seinen Mitteln, aber überaus klar in der Aussage, ist der Film dabei eine deutliche und mutige Kritik an der menschenverachtenden und für die politische Position der Palästinenser verheerenden Ideologie der Hamas und anderer religiöser Fundamentalisten.

Das Szenario nimmt eine weitere beklemmende Wendung, als Khaled und Said ihren Auftrag nicht ausführen können, und mit mehreren Kilo Sprengstoff um den Bauch zurückkehren. Zum dritten - und nicht zum letzten - Mal überquert der Film die Grenze. Von ihren Genossen als Verräter oder Feiglinge verdächtig, in Gefahr von den Israelis entdeckt zu werden, zudem von Selbstzweifeln gequält, stehen Khalid und Said zwischen allen Fronten.

Bei alldem bleibt über den ganzen Film viel Raum, die Gedanken der beiden kennen zu lernen. Auch Suha ist die Situation inzwischen klar geworden. Sie argumentiert mit den beiden, versucht, sie von einem zweiten Versuch einer Selbstmordaktion abzuhalten. In diesen Passagen untersucht "Paradise Now" sensibel und offen die verschiedenen palästinensischen Auffassungen und Argumente über Nutzen und Nachteil von Selbstmordattentaten.

Triumph des Todes

Said zweifelt zwar von Anfang an an Sinn und Notwendigkeit der "Aktion", doch ist er innerlich von der Schmach seiner Familie gefangen genommen, so dass ihm ein Aussteigen unmöglich scheint. Noch einmal schreckt er, durch den Anblick eines kleinen Mädchens für Sekunden aus seiner traumatisiert-fanatischen Trance herausgerissen, im letzten Moment davor zurück, einen Bus zu besteigen und seine Sprengladung zu zünden. Doch am Ende wird er sich in die Luft sprengen.

Khaled ist der rationalere der beiden - daher den Argumenten der fundamentalistischen Radikalen, aber auch eigenen Zweifeln und Suhas Mahnungen zugänglicher. Während sich Said verhärtet, wird Khalid zum Helden skeptischer Rationalität, der sich im entscheidenden Moment dem Märtyrertod und damit auch dem sozialen Druck verweigert. Er will das Leben nicht länger nur als Apokalypse und den Tod als Paradies zu sehen. Wenn Said diesen Weg nicht gehen kann, dann ist, daran lässt der Film nicht den geringsten Zweifel, dieser Triumph des Todes eine Niederlage und ein Zeichen der Schwäche.

 


Die große Reise / Le Grand Voyage


 

 Le grand Voyage

 Ein Film von Ismaël Ferroukhi
 Marokko/Frankreich 2004
 Mit Nicolas Cazalé , Mohamed Majd , Ghina Ognianova , Jacky Nercessian

Der junge Franzose Réda, Sohn marokkanischer Einwanderer, steht kurz vor dem Abitur,
da   verlangt sein Vater, dass er ihn auf der traditionellen Pilgerreise nach Mekka begleitet. 
Für den alten Mann kommt ein Flug nicht in Frage, weshalb Réda ihn im Auto chauffieren soll.
Doch die tagelange erzwungene Nähe überfordert den gläubigen Muslim und seinen in Frankreich aufgewachsenen Sohn. Neben dem Generationenkonflikt reißt von Kilometer zu Kilometer der kulturelle Graben zwischen ihnen weiter auf.
Der Vater, seit dreißig Jahren in Frankreich, hält nach wie vor an den muslimischen Traditionen fest und lehnt den westlichen Lebensstil seines Sohnes deutlich ab. Réda hat mit Religion und Tradition nichts am Hut und beobachtet die Handlungen des Vaters mit unverhohlener Skepsis. Schließlich führen verschiedene menschliche Begegnungen auf der Reise zur Wende in ihrer schwierigen Beziehung. Allmählich öffnen sich die beiden Männer und geben ihre starren Positionen auf. Über 5.000 Kilometer im Auto - quer durch den Balkan und den Nahen Osten- haben die beiden einander näher gebracht...

FSK: ohne Altersbeschränkung
Sprachen: deutsch , französisch/arabisch
Untertitel: deutsch
Tonformat: DD2.0
Bildformat: 16:9 anamorph
Laufzeit Hauptfilm: ca. 102 Minuten
DVD-Typ 9, Ländercode 2, PAL

Bonusmaterial:
Deutscher Trailer
Original-Trailer
Informationen zu Cast & Crew

 

 


Pilgerfahrt nach Mekka

Es zählt zu den religiösen Pflichten und ganz großen Ereignissen im Dasein eines gläubigen Muslims, der es sich leisten kann, ein Mal in seinem Leben nach Mekka zu pilgern, um das zentrale Heiligtum des Islams, die Kaaba, sieben Mal zu umrunden. Die große Reise, das Spielfilmdebüt des Regisseurs Ismaël Ferroukhi, ist ein Roadmovie der ganz besonderen Art: Vater und Sohn, zwischen denen eine Kluft aus Fremdheit und gegenseitigem Unverständnis liegt, brechen in einem alten Peugeot von Aix-en-Provence gen Mekka auf.

Keineswegs begeistert ist der junge Réda, Sohn einer marokkanischen Migrantenfamilie in Frankreich, als sein Vater kurz vor dem Abitur verlangt, dass er mit ihm die traditionelle Pilgerreise der Muslime nach Mekka antritt- und zwar auf dem Landweg im Auto, 5.000 Kilometer über den Balkan und durch den Nahen Osten. Réda empfindet sich als modernen Franzosen, zeigt kaum Interesse für die kulturellen Aspekte seiner Herkunft und steht den religiösen Werten seines Vaters ablehnend und nahezu verächtlich gegenüber. Da dieser jedoch keinen Führerschein hat und darauf besteht, in würdiger Pilgersitte nicht einfach nach Saudi-Arabien zu fliegen, erklärt sich der Sohn schließlich widerwillig bereit, seinen Vater zu fahren.

Herrscht zunächst zwischen Réda und seinem Vater ein aus Fremdheit und Ablehnung geborenes Schweigen, angelegentlich von knappen Streitereien unterbrochen, so zwingt die ausführliche Unausweichlichkeit im Auto sie zunehmend doch dazu, sich miteinander zu beschäftigen. Auch die Menschen, denen sie unterwegs begegnen, durchbrechen die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn, die in der Weitläufigkeit des Alltags versteckt war. Fühlt sich Réda innerhalb der Wahlheimat Frankreich seinem ungebildeten, analphabetischen Vater überlegen, so wächst sein Respekt für ihn mit der veränderten Landschaft und Mentalität. Denn der Vater meistert die Schwierigkeiten während der Reise mit einer humanen Umgänglichkeit, die den eher hilflosen Sohn beeindruckt.

Am Ende haben beide, wie sie äußern, viel gelernt, und doch ist Die große Reise kein dröges Lehrstück der Toleranz zwischen Vätern und Söhnen, sondern die Geschichte einer Pilgerfahrt mit unerwarteten Wendungen und leiser Komik, die vor allem vom hervorragenden Spiel von Nicolas Cazalé (Réda) und Mohamed Majd (Vater) lebt.

Ferroukhi, der seit seiner frühen Kindheit mit seiner Familie ebenfalls aus Marokko nach Frankreich eingewandert ist, inszeniert die Geschichte dieser ungewöhnlichen Wallfahrt puristisch und ganz auf die Reise fokussiert. Wir erfahren kaum etwas über die Protagonisten, so dass die Intensität ihrer unmittelbaren Beziehung zueinander und deren Entwicklung lediglich von den Begegnungen unterwegs und in Mekka selbst flankiert wird. Die Schauplätze dieser Reise wurden so authentisch wie möglich repräsentiert- Ferroukhi drehte in Serbien, im Grenzland zwischen Bulgarien und der Türkei und sogar in Mekka während des islamischen Pilgermonats, was dem Film einen Reichtum an wunderschönen Landschaften und kulturellen Impressionen verleiht. Der Regisseur, der auch das Drehbuch verfasste, bietet seinem Publikum keine Positionierung im Generationskonflikt oder im Gegensatz einer westlichen Moderne zu traditionellen, islamischen Wertvorstellungen an. Ihm geht es vorrangig um die persönliche Ebene zwischen Vater und Sohn, die im Rahmen dieser ungewöhnlichen Reise mit ihrer religiösen Dimension neue Wege gehen müssen, vor allem im Miteinander. „In Die große Reise zeige ich, wie aus Gleichgültigkeit und Feindschaft, Anerkennung und Versöhnung entstehen können“, formuliert Ferroukhi seine Intention.

Bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig wurde Die große Reise mit dem Leone del Futuro-Preis für das beste Erstlingswerk ausgezeichnet.

www.filmstarts.de/produkt/39678,Eine%20gro%DFe%20Reise.html
(Marie Anderson)



Ali Zaoua, Prinz der Straße


Ali Zaoua, Prinz der Straße

Spielfilm, Marokko/Frankreich/Belgien 2000,
95 Minuten
Regie: Nabil Ayouch
Mit Abdelhak Zhayra, Mounim Kbab, Mustapha Hansali, Said Taghmaoui, Hicham Moussoune

Als hätten sie nicht genug mit dem täglichen Überlebenskampf zu tun, wollen Straßenkinder in Casablanca ihrem verstorbenen Freund ein würdiges Begräbnis verschaffen. - Der poetische und preisgekrönte Film erzählt ohne falsche Sentimentalität von Kindern, die sich ihre Träume von einem besseren Leben nicht zerstören lassen.

Der zwölfjährige Ali lebt mit seinen etwas jüngeren Freunden Kwita, Omar und Boubker auf den Straßen von Casablanca. Sie haben sich gerade von der Straßenbande getrennt, die vom brutalen Dib angeführt wird, um sich allein durch den harten Alltag zu schlagen. Ali steht sogar kurz vor der Erfüllung seines größten Wunsches: Er hat einen Seemann gefunden, der ihn mit aufs Meer nehmen will, und Ali glaubt jetzt fest daran, mit seiner Hilfe die Insel der zwei Sonnen zu finden, von der er immer geträumt hat. Doch kurz vor seiner Abfahrt kommt es noch einmal zum Streit mit der Bande. Ali wird am Kopf getroffen und stirbt. Seine drei Freunde beschließen in ihrer Trauer, dem Toten zumindest noch ein ehrenvolles Begräbnis zu verschaffen. Sie machen Alis Mutter ausfindig, die als Prostituierte arbeitet. Obwohl sie immer alles für ihren Sohn getan hat, war Ali von ihr fortgelaufen, weil er die Beschimpfungen durch die anderen Kinder nicht mehr ertragen konnte. Sie beschwört Alis Freunde, Ali wieder zu ihr zurückzubringen, denn sie weiß noch nichts von seinem Tod. Immer wieder scheitern die Kinder daran, das nötige Geld für das Begräbnis zu beschaffen. Dibs Bande macht ihnen zusätzlich das Leben schwer. Doch dann stoßen sie auf den Seemann, der Ali mitnehmen wollte. Mit seiner Hilfe scheint Alis Begräbnis endlich doch noch möglich zu werden.

Ali Zaoua, Prinz der Straße" ist der zweite Langfilm des marokkanisch-französischen Regisseurs Nabil Ayouch, den dieser in einem Zeitraum von zwei Jahren mit Laiendarstellern gedreht hat. Der Film schildert die Verhältnisse einerseits sehr realistisch, durch die Perspektive der Kinder erhält die Geschichte jedoch märchenhafte Züge und eine eigene poetische Qualität und Leichtigkeit. Indem bestimmte Aspekte der harten Realität bewusst nicht dargestellt werden, wirkt das Leben dieser Kinder auf seltsame Art abgeschirmt von der übrigen Welt, die sich, wie Ayouch andeutet, auch nicht um die Kinder kümmert. "Ali Zaoua, Prinz der Straße" wurde auf zahlreichen internationalen Filmfestivals ausgezeichnet - unter anderem in Amiens, Mannheim-Heidelberg, Montréal und Stockholm.

Original-Titel:

Ali Zaoua, prince de la rue

Land/Jahr:

Frankreich/Belgien / 2000

Genre:

Drama

Mit:

Mounïm Kbab .... Kwita
Mustapha Hansali .... Omar
Saïd Taghmaoui .... Dib

Regie:

Nabil Ayouch

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Kurzkritik

Omar (Mustapha Hansali  )ist wohl etwa zehn Jahre alt, lebt auf der Strasse, trägt ein zerrissenes T-Shirt am Oberkörper und eine Narbe im Gesicht. Seinen beiden Freunden Kwita (Mounim Kbab) und Boubker (Hicham Moussoune) geht es nicht viel besser. Auch sie hüllen sich in Fetzen, schnüffeln an Klebstoff und ernähren sich von dem, was andere wegschmeißen. Und als ob ihre tristen Lebensumstände nicht schon schlimm genug wären, werden sie nun auch noch mit dem Tod ihres Freundes Ali konfrontiert, dessen Namen sich der zweite Langspielfilm des französisch-marokkanischen Regisseurs Nabil Ayouch zum Titel nimmt. In direkten Bildern, die gelegentlich von surrealen Sequenzen aufgebrochen werden, erzählt er von den Alltäglichkeiten der Marokkanischen Straßenkinder. Ali Zaoua und seine drei Freunde haben sich von der vorherrschenden Gang rund um deren taubstummen Anführer Dib getrennt So kam es zur Konfrontation. „Das Leben, das ist Scheiße“, gaben Dibs Leute ihre Losung kund. Dann flogen Steine in Richtung der Abtrünnigen. Einer davon traf Ali an der Schläfe. Nun liegt sein Leichnam am Boden und die drei verbliebenen Freunde wissen nicht so recht, was damit zu tun ist. „Mag sein, dass sein Leben Scheiße war“, stellt einer von ihnen schließlich fest, „begraben werden, soll er aber wie ein Prinz.“ In der Folge widmen sich die drei Kinder den Vorbereitungen für eine angemessene Beerdigung. Keine einfache Angelegenheit, wenn man nicht einmal weiß, wo man die kommende Nacht verbringen wird. Zusätzlich verkompliziert wird die Angelegenheit dann auch noch dadurch, dass Ali Matrose werden wollte. Ein dementsprechendes Begräbnis inklusive Uniform und Seebestattung scheint demnach die einzig legitime Möglichkeit zu sein. Der mühsame Weg zu dieser letzten kleinen Respektbekundung, die zugleich einen großen Sieg darstellt, ist die Geschichte eines Filmes, dessen Schaffensprozess mehr als eine herkömmliche Spielfilmproduktion umfasst. Nabil Ayouch realisierte sein ambitioniertes Werk über zwei Jahre hinweg als Projekt einer Zusammenarbeit mit Streetworkern und Straßenkindern. Letztere wurden als Laiendarsteller engagiert und verhalfen dem Film zu seinem unprätentiösen und dennoch märchenhaften Erzählton, der ihn zum Festivalerfolg machte. Armut, Krankheit oder Prostitution, egal welch fatalen Themen sich der Film auch widmet; stets folgt er dem Vorsatz, das Leben seiner Protagonisten nicht zu sozialkitschiger Mitleidsschinderei hoch zu stilisieren, sondern aus respektvoller Distanz zu dokumentieren. Dass dieser hehre Anspruch auch tatsächlich eingelöst wird, ist sein wohl höchster Verdienst.


Marrakesch
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Kurzbeschreibung


"Marrakesch" Marrakesch - ein exotischer Traum aus Tausend-und-einer-Nacht. Die junge Engländerin Julia flüchtet mit ihren Töchtern aus einer gescheiterten Beziehung in London ins faszinierende Marokko - auf der Suche nach einem anderen Leben, nach sich selbst. Eines Tages lernt sie den Lebenskünstler Bilal kennen, ein Wanderer durchs Leben. Bilal verdingt sich als Akrobat, Maurer, Straßenhändler und wird Julias Liebhaber. Mit ihm umarmt sie nicht nur den Mann, sondern die fremde Kultur. Das ist der Beginn einer abenteuerlichen Odyssee quer durch das Land - bis Julia weiß, daß Freiheit ihren Preis hat. Sie muß sich entscheiden zwischen dem Abenteuer Marokko und der Liebe zu ihren Kindern. Laufzeit: 98 Min. Produktionsjahr: 1998 Regie: Gillies MacKinnon Darsteller: Bella Riza, Said Taghmaoui, Kate Winslet; "Fegefeuer der Leidenschaft" Arauca kennt keine Gnade. Nur die Stärksten können hier überleben. Anfang des 20. Jahrhunderts kehrt der junge Anwalt Santos in diese wilde, feindselige Region auf die Ranch seiner Vorfahren zurück. Was er dort vorfindet, sind blutige Familienfehden und verbissene Kriege zwischen Nachbarn. Inmitten dieses Chaos verliebt er sich in die schöne Marisela - und ist schon bald hin- und hergerissen zwischen ihr und ihrer skrupellosen, verführerischen und gefährlichen Mutter Dona Barbara. Und Santos versinkt in einem Strudel aus Leidenschaft, Gier, Gewalt und Verlangen. Laufzeit: 106 Produktionsjahr: 1998 Min. Regie: Betty Kaplan Darsteller: Ruth Gabriel, Esther Goris, Victor Laplace;

 

 

Aus der Amazon.de-Redaktion


Die Träume von einem besseren Leben sind so alt wie die Menschheit. Von einem Leben ohne Schmerz, ohne den permanenten Londoner Nebel, ohne Alltagsstress und ohne Liebesleid träumt auch die 25-jährige Engländerin Julia (Kate Winslet). Und dann genügt ein Wasserrohrbruch im Bad, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. "Seitdem redet sie von Marokko", sinniert Bea (Bella Riza), die ältere von Julias beiden Töchtern, altklug. "Ein Sufi, was ist das überhaupt?" Julia weiß es genauso wenig wie ihre Töchter, die in diesem Film den realistischen Part übernehmen. Während sich ihre Mutter in der exotischen Welt verlieren will, die sie immer wieder abstößt wie einen Fremdkörper, beharren die Töchter permanent auf einem Rest der gewohnten Umgebung. Bea will zur Schule, sie will etwas lernen und ein Kleid. In der Liebe zu dem halbseidenen Bilal (Said Taghmaoui), der sich als Gaukler, als Dieb und durch harte Arbeit in einem Steinbruch durchschlägt, glaubt Julia den Schlüssel zu der fremden Welt gefunden zu haben. Aber alle Versuche, die mitteleuropäische gegen die nordafrikanische Haut zu tauschen, schlagen fehl. Sie begegnet durchgedrehten deutschen Acid-Heads, die sich damit brüsten, ein ganzes Dorf angeturnt zu haben. Die meisten Marokkanerinnen interessieren sich nur für ihre Kleider und bringen ihr ansonsten nichts als Hass und Verachtung entgegen. Zweimal verliert sie beinahe eine ihrer Töchter. Am Ende spendiert ihr der windige Bilal mit ergaunertem Geld die Passage nach London.

Gillies MacKinnon ist eine äußerst eindringliche, wenngleich pessimistische Parabel auf die Träume der Hippie-Generation und die vergebliche Suche nach dem verlorenen Paradies gelungen. Die rasanten Kamerafahrten durch die Kasbah von Marrakesch und die großartigen Landschaftsaufnahmen fangen die fremdartige Schönheit, aber auch die Rohheit und Hässlichkeit der anderen Welt perfekt ein. Bei den wenigen Sequenzen mit Arbeitern im Steinbruch bekommt man einen Eindruck davon, wie Menschen sich buchstäblich zu Tode schuften. Als Subtext unterstreicht der Soundtrack die Unvereinbarkeit der zwei Welten. Jefferson Airplane und Canned Heat wirken zur Kulisse von Marrakesch wie die Faust aufs Auge, und der Bruch könnte nicht krasser sein, wenn plötzlich ein arabischer Sänger dagegen hält.

Zum Abschied winken Julia und ihre Töchter Bilal aus dem Zug zu, der sie auf einem Transporter überholt, ein rotes Tuch um den Kopf, das er öffnet und im Wind flattern lässt, um zu entschweben wie eine Figur aus einem Märchen. --Frank Kukat

Amazon.de DVD-Bewertung


Die DVD bietet über den Film in deutscher Sprache (DD 5.1 und DS 2.0) noch reichlich Bonusmaterial. Neben fünf Trailern, darunter auch der deutsche Kinotrailer von Marrakesch, gibt es Interviews mit den beiden Hauptdarstellern, Regisseur, Drehbuchautor und der Produzentin. Zu guter Letzt darf man noch einen stimmungsvollen Blick hinter die Kulissen werfen, der den Spaß aller Beteiligten bei den Dreharbeiten unterstreicht, was bereits bei den Interviews Tenor war. Insgesamt sind dies 33 Minuten zusätzliches Material, die diese DVD zu einer Perle machen würden, wenn sie nicht nur die deutsche Sprachversion und keine Untertitel enthalten würde. --Frank Kukat



Zaïna - Königin der Pferde



Zaïna - Königin der Pferde

Frankreich, Marokko, 2004
Abenteuer-Drama, 100 Minuten, FSK: 6

Originaltitel
Zaïna, cavalière de l´Atlas

Kino-Start
19.10.2006

Regie
Bourlem Guerdjou

Darsteller
Aziza Nadir (Zaïna), Sami Bouajila (Mustapha), Simon Abkarian (Omar), Michel Favory (Abdellatif), Assaad Bouab (Kadour), Lounès Tazairt (Barak), Hassam Ghancy (Djilhali), Taieb Ajedig (Moncef), Mohamed Bouhriri (Hassan), Mohamed Majd (Imam)

 

Bereits für sein Regiedebüt "Leben im Paradies" (Vivre au paradis) wurde Bourlem Guerdjou, Sohn algerischer Einwanderer nach Frankreich, beim Filmfestival Venedig mit dem Goldenen Löwen für das Beste Erstlingswerk ausgezeichnet. Auch sein zweiter Spielfilm, das prachtvolle, orientalische Märchen "Zaina, Königin der Pferde", fand breiten Anklang und erhielt beim Internationalen Filmfestival Locarno 2005 den Publikumspreis. Zudem befand ihn die Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW) als "besonders wertvoll".

Alle vier Jahre findet in Marrakesch ein großes Ereignis statt: Das große Pferderennen in den Gärten von Agdal zieht Männer aus einem weiten Umfeld an, die eigene und die Stärke ihrer Pferde zu messen. Frauen ist eine Teilnahme im traditionsbehafteten Marokko nicht erlaubt, doch Selma ließ sich davon nicht beirren, verkleidete sich als Mann und gewann den Wettbewerb. Doch die Stammessitten sind hart, und so wird Selma von ihrem Mann Mustapha verstoßen.

Was der nicht weiß: Sie ist schwanger und bringt ihre Tochter Zaïna ganz allein zur Welt. Dank ihrer Kenntnisse von Pflanzen und Kräutern kann sie sich und ihre Tochter als Heilerin über Wasser halten. Dann kommt sie im Haus des reichen Omar (Simon Abkarian) unter. Der begehrt Selma zwar, doch sie weist ihn immer wieder zurück. Doch der bedrängt die Frau immer wieder, und dabei kommt es zu einem tragischen Unfall: Selma fällt so unglücklich, dass sie stirbt.

Zaina (Aziza Nadir) ist gerade zwölf Jahre alt, und Omar will, dass wenigstens sie ihm erhalten bliebe. Doch dann erscheint ihr Vater Mustapha (Sami Bouajila), der erst jetzt vom Tod Selmas und von der gemeinsamen Tochter erfahren hatte. Bei der ersten Begegnung ist Zaina von dem bärtigen Nomaden eingeschüchtert, doch dessen Hengst Zingal gewinnt sogleich ihr Herz. Mustapha unterwegs zum Agdal-Rennen, um Pferde dorthin zu überführen, und er nimmt das Mädchen auf die Reise mit, entgegen den entschiedenen Widerstand Omars.

Die beiden schließen sich den anderen Nomaden an, die auf Mustapha gewartet hatten. Während des beschwerlichen Ritts lernen sich die zunächst misstrauischen Männer und das Mädchen langsam kennen, so der gütige alte Barak (Lounès Tazairt), der sich um Zaina wie um die eigene Enkelin kümmert, der geschickte Reiter Kadour (Assaad Bouab), der stets zu Scherzen aufgelegte Moncef (Taieb Ajedig) und der gewitzte Djihali (Hassam Ghancy). Während die letzteren im Verlauf der Reise mit den Pferden immer wieder trainierten, hielt sich Mustapha daraus - er hatte sich nach dem Rennen, bei der seine Frau ihn in seinen Augen entehrt hatte, geschworen, nie an einem Pferdeturnier teilzunehmen.

Da wird die Karawane plötzlich angegriffen: Es ist Omar mit seinen Männern. Doch es gelingt ihnen zunächst, die Attacke abzuwehren und dabei Abdellatif (Michel Favory) in ihre Gewalt zu bringen. Der Plan, ihn als Geisel mitzunehmen und dessen Neffen Omar vor einem weiteren Überfall abzuhalten, erweist sich allerdings als folgenschwer: Er wiegelt die übrigen Männer gegen Mustapha auf. Sie werfen ihn in eine Felsspalte und verschwinden mit den Pferden - bis auf Zingal, denn der hört nur auf seinen Besitzer.

Zaina konnte sich verbergen und zieht Mustapha am Seil mit Zingals Hilfe aus der Spalte heraus. Zusammen mit Abdellatif machen sie sich wieder auf die Reise. Während der Weg sie durch immer unwirtlicheres Gebirge führt, lernen sich Mustapha und Zaina immer besser kennen und verstehen. Doch sie werden immer noch von Omar verfolgt, und in Marrakesch angekommen, kommt es zum Duell der beiden Männer um Zaina, doch die will, dass das Pferderennen entscheiden soll...

Zu welchem Genre gehört "Zaina"?

"Zaina" ist ein Märchen, in dessen Mittelpunkt ein Kind, ein Mann und der Orient stehen. Unsere Drehbuchautorin Juliette Sales hat sich von den Erzählungen aus 1001 Nacht und den sagenhaften Berichten über die legendäre letzten Berberkönigin Kahena inspirieren lassen. "Zaina" ist aber auch ein Abenteuerfilm, der das Verhältnis zwischen den Generationen und die Suche nach eigener Identität thematisiert. Ein Bericht über eine Reise in die Tiefen der Seele. Der Film kreist um Menschen, die von starken Gefühlen angetrieben werden und es kam mir darauf an, ihre inneren Gefühlswelten auszuloten.

Wer sind Zaïna und Mustapha?

Das traurige Mädchen und der Nomade aus den Bergen scheinen zunächst nichts miteinander gemein zu haben. Mustapha versteht nichts von Kindern, weiß nicht, was Vatersein bedeutet. Er behandelt seine Pferde besser als seine Tochter. Juliette Sales hat beim Schreiben des Drehbuchs manchmal an die Situation von Kindern in der heutigen Zeit gedacht, die sich verloren und verlassen fühlen, weil ihnen ein Elternteil fehlt oder weil sie schlicht im Stich gelassen wurden. Zaïna verkörpert jene arabischen Frauen, die den Mut haben, aufzubegehren, um etwas an den Zuständen zu ändern. Mustapha besitzt nichts ... abgesehen von seiner Liebe und seiner Vertrautheit mit arabischen Vollblütern. Das ist das einzige Vermächtnis, das er seiner Tochter hinterlassen kann.

Obwohl der Film realistisch in einer Zeitebene gedreht ist, thematisiert die Geschichte ständig Gegenwart und Vergangenheit.

Mustapha und Zaïna sind zwei verlorene, gebrochene Figuren, denen die Vergangenheit wichtige Teile ihres Selbst geraubt hat. Auch Omars Position ist durch die Vergangenheit geprägt: Weil er seine Schuld an Selmas Tod an Zaïna wieder gut machen will, wird er für sie zur Bedrohung und zur tragischen Figur. Dieses Trio wäre undenkbar ohne den Bezug zu einer vierten Figur, die im Film zwar nie zu sehen ist, aber immer gegenwärtig ist: Zaïnas Mutter Selma, eine Amazone, die die ehernen Gesetze der Männerwelt angriff.

Sie legen sich in Hinblick auf die Zeit, in der "Zaina" spielt, nicht fest.

Ähnlich wie bei „Vivre au paradis“ (1999), der von algerischen Einwanderern im Frankreich der 1960er Jahre handelt, wollte ich "Zaina" nicht allzu genau zeitlich verankern. Diese Geschichte findet in der Gegenwart ein Echo. Die Themen – Vatersein, Liebe, Rivalität – sind zeitlos gültig.

Welchen Stellenwert hat die maghrebinische Kultur?

Zaïnas Annäherung an den Vater führt zwangsläufig über die Traditionen, die mit der traditionellen Pferdehaltung in dieser Region verbunden sind. Dabei entdeckt sie ihre Vergangenheit und findet zu ihren Wurzeln zurück.

Die Beziehung zwischen Zaïna und ihrem Vater ist anfänglich sehr angespannt.

Zaïna muss sich gegen ihren Vater behaupten und gleichzeitig seine Bestätigung suchen. Sie wagt sich zum ersten Mal auf den Rücken eines Pferdes, lernt reiten und gewinnt am Ende sogar das große Rennen. Mustapha gelingt es, ihr seine Leidenschaft für Pferde zu vermitteln. So finden sie einen Weg zueinander, lernen miteinander zu sprechen. Der Araberhengst Zingal wird zum Mittler zwischen Vater und Tochter. Er ist das Bindeglied zwischen ihnen. Pferde sind das einzige, wovon Mustapha etwas versteht und das einzige, worüber er mit seiner Tochter spricht.

Die Vermittlung von Wissen ist von zentraler Bedeutung in "Zaina"...

Die Weitergabe von Wissen ist die Grundlage jeder Erziehung. Bevor Zaïna etwas über Pferde lernt, hat sie von ihrer Muter Selma bereits deren Kräuter- und Heilbuch bekommen. Dass Zaïna, im Gegensatz zu Mustapha, Dank ihrer Mutter lesen kann, ist übrigens eine kleine feministische Fußnote.

Ist "Zaina" ein feministischer Film?

In einer archaischen und patriarchalisch strukturierten Welt, in der die Macht allein in den Händen der Männer liegt entdeckt Zaïna unter den Blicken ihres Vaters ihre eigene Weiblichkeit.. Zaïnas Mutter Selma war eine zu selbstbewusste, zu leidenschaftliche und zu starke Frau für ihre Zeit und Umgebung. Indem sie es aber riskierte, mit Männern in Wettstreit zu treten, selbst auf die Gefahr hin, deswegen verstoßen zu werden, schlug sie eine Bresche. Nur dank Selma wird es Zaïna möglich, das Rennen zu reiten, zu gewinnen und von ihrem Stamm gefeiert zu werden.

Welche Rolle spielt die Natur?

Sie spielt neben Zaïna, Mustapha, Omar (und Selma) die fünfte Hauptrolle. Landschaft ist allgegenwärtig – das Gebirge, die unermesslichen Weiten der Wüste. Sie hat viele Gesichter: Mal spröde und steinig, dann wieder lieblich und fast lauschig. Die Natur ist eine Größe, mit der man rechnen muss.

Die Filmmusik ist eine spannungsreiche Mischung zwischen epischen Klängen und folkloristisch inspirierten Melodien...

Der Filmkomponist Cyril Morin (u.a. „Samsara“, 2002, Regie: Pan Nalin) kombinierte auf einzigartige Weise traditionelle Elemente wie Berbergesänge oder arabische Laute mit symphonischen Elementen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Gnaoua-Musik, eine jahrhundertealte südmarokkanische Musik-Kultur, deren Rhythmen und Texte von afrikanischen Sklaven stammen, die vor 300 Jahren von der Goldküste nach Marokko verschleppt wurden.

An wen richtet sich der Film?

Der Film fordert ein junges Publikum auf, über den Weg eines Märchens und die Traditionen der maghrebinischen Kultur universelle Werte zu entdecken. Die wichtigste Frage des Films ist: Woher komme ich? "Zaina" verfügt über zeitlos menschliche Bezüge und fordert zum Akzeptieren der eigenen Identität auf.

Was hat Sie an diesem Projekt besonders gereizt?

Bouajila: Ich fand es verlockend, in die Haut eines Nomaden zu schlüpfen, dessen Leben sich ausschließlich um Pferde dreht. Außerdem war das Drehbuch gut geschrieben und die Figuren vielschichtiger als gewöhnliche Kinohelden. Und dann: Drehorte im Atlasgebirge! Das Ganze war ein äußerst verführerisches Abenteuer, und ich ahnte, dass es auch persönlich für mich eine Bereicherung werden würde.

Abkarian: Mir erging es ähnlich, wobei mich der Umstand, dass es sich um einen Abenteuerfilm inmitten einer grandiosen Landschaft handelte, besonders interessierte, weil es Regisseur und Kameramann darum ging, touristische Klischees zu vermeiden. Und ich freute mich darauf, zu reiten und in der Wüste zu kämpfen!

Was hat Sie an der Geschichte besonders angesprochen?

Abkarian: Das Märchenhafte, das an die Phantasie der Zuschauer apelliert. Hier braucht man keine allzu realistischen Gewaltdarstellungen und andere künstliche Effekte. Außerdem ergreift der Film weder für den einen noch den anderen Protagonisten Partei. Märchen öffnen uns einen Zugang zu uns selbst und heben uns in den Rang von Menschen in ihrer umfassenden Würde.

Bouajila: Für mich war "Zaina" eine Rückkehr zu meiner Kultur, die ich fast schon ein wenig vergessen hatte. Meine Eltern stammen direkt aus dieser kulturellen Tradition, mein Vater war Berber, hat in der Wüste und in Zelten gelebt. Der Film bot mir Gelegenheit, auf symbolische Weise den Spuren meines Vaters zu folgen.

Privat haben Sie sich während der Dreharbeiten angefreundet, in "Zaina" sind Sie erbitterte Feinde...

Boujila: Mustapha und Omar sind aus demselben Holz geschnitzt. Ich stelle mir vor, dass sie gemeinsam aufgewachsen sind, mit derselben Liebe zu Pferden, aber eben auch mit der Leidenschaft für dieselbe Frau: Selma – Zaïnas Mutter.

Abkarian: Mustapha ist Omars Rivale, aber er bringt Dinge ans Licht. Er sorgt dafür, dass Omar zeigen muss, wer er wirklich ist – sich selbst aber auch allen anderen. In einer Auseinandersetzung zwischen Rivalen gibt es immer beides: Hass und Verlangen. Omar und Mustapha sind beide auf ihre Art aufrichtig. Sie haben ihr Wort gegeben und das kann nicht mehr zurückgenommen werden. Wenn man davon ausgeht, ist alles möglich, selbst zwischen Feinden. "Zaina" ist sowohl eine Tragödie als auch eine Liebesgeschichte und eine Erzählung über Unmögliches. Man könnte sich leicht vorstellen, dass die Geschichte in der strengen islamischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts angesiedelt ist. Ich glaube, dass man das Verlangen nach Freiheit umso deutlicher zum Ausdruck bringen kann, je besser der Käfig gezeichnet ist. Das macht den Film so spannend: er zeigt die Hindernisse, um von dort aus Freiheitsräume zu erforschen.

Beschreiben Sie das Mädchen Zaïna, dem die Liebe Ihrer Figuren gilt ...

Bouajila: Zaïna schließt den Kreis, den Mustapha durchbrochen hatte, als er ihre Mutter verstieß.. Der Film zeichnet einen Wandlungsprozess. Dabei geht es um existentielle Themen: Liebe, Vaterschaft, Kindheit, Leben und Tod. Zaïna gibt Mustaphas Schicksal eine Wende. Er findet zu neuer Gelassenheit und innerem Frieden, in dem er einen Schlussstrich unter seine Feindschaft mit Omar zieht.

Abkarian: Zaïna ist nicht nur Gegenstand eines Streits, sondern eine eigenständige Person, die ihren Standpunkt vertritt. Sie entscheidet über ihre eigenes Schicksal, wodurch es den beiden Rivalen möglich wird, ihren Konflikt zu beenden und ihre Wahrheit zu finden.

Wie war die Zusammenarbeit der drei Hauptdarsteller?

Bouajila: Zwischen Aziza Nadir, der Darstellerin der Zaïna, und mir gab es schnell so etwas wie eine familiäre Vertrautheit. Das verstärkte die Glaubwürdigkeit unserer Beziehung im Film. Aziza stand zum ersten Mal vor der Kamera und hat uns immer genau beobachtet. Sie ist wirklich ein großes Talent. Sie hat sich voll und ganz ihrer Rolle gewidmet und – was das Beste ist – ihr ganzes Herz hineingelegt.

Abkarian: Sami geht seiner Arbeit mit großem Ernst nach und aufgrund seiner tunesischen Abstammung ist er sich der Verantwortung bei der Wahl seiner Rollen im französischen Kino wohl bewusst. Für mich war es ein Vergnügen, mit ihm zu arbeiten. Bei unseren Figuren handelt es sich ja um Männer aus der Wüste, Menschen, die der Erde und den Elementen verbunden sind und daher sparsam mit Gebärden und Worten umgehen. Sie tun das, was sie sagen, und sie sind das, was sie tun. Man musste sich mit seinem Partner blindlings verstehen, vor allem dann, wenn in manchen Szenen eine Aufwallung von Gefühlen einfach nur durch Schweigen und Blicke ausgedrückt werden sollte. Zwischen Sami und mir gab es viele konstruktive Gespräche. Durch den Film ist eine große Verbundenheit zwischen uns entstanden. Wir werden alles dafür tun, um bei weiteren Filmen wieder gemeinsam zu arbeiten.

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Souita Abdelhak  | abisouita@arcor.de